Donnerstag, 26. März 2015

Vietnam - unterwegs im (nicht mehr ganz) real existierendenSozialismus' - Teil 1 Der Süden

Vietnam ist kein einfaches Land in topografischer, historischer als auch politischer Hinsicht. Etwas kleiner als Deutschland, allerdings mit 10 Millionen mehr Einwohnern, gehört es zu den am dichtesten besiedelten Ländern Südostasiens. Vor allem in den fruchtbaren Gegenden des Mekongdeltas im Süden und dem Delta des Roten Flusses im Norden reiht sich eine Stadt an die andere. Die beiden größten Zentren Ho Chi Minh Stadt (ehemals Saigon) und Hanoi beherbergen mit jeweils 8 und 9 Millionen Einwohnern zusammen fast jeden sechsten Einwohner, wobei letztere auch die Hauptstadt des Landes darstellt. Über 2.000 Kilometer Küste erstrecken sich in Nord-Südrichtung, gleich dahinter steile Bergketten. Jeder Quadratmeter muss genutzt werden von den sumpfigen Flussauen im Mekongdelta bis hin zu den steilsten Berghängen im Norden des Landes. Um so beeindruckender ist, wie die Menschen mit diesen Bedingungen umgehen. Landwirtschaft an den unwirtlichsten Orten, seit gut 20 Jahren ein dynamisches Wirtschaftswachstum und ein durchaus als pragmatisch zu bezeichnenden Umgang mit der Vergangenheit. Dabei hat das Land eine bewegende Geschichte, in Folge dessen zuerst die Chinesen, dann die Japaner, Franzosen und zuletzt die Amerikaner ihre länger oder kürzer andauernde Episode der inneren Einflussnahme wieder aufgeben mussten. Die Vietnamesen sind ein widerstandsfähiges Volk mit einigem Stolz. Der Unterschied zu anderen Ländern Südostasiens ist deutlich zu spüren, auch vor allem, weil hier der Kommunismus nicht zu einer systematischen Unterdrückung des eigenen Volks geführt hat. Bereits 10 Jahre nach Kriegsende hat Vietnam eine umfassende Öffnung der Wirtschaft durchgeführt mit Recht auf Privatbesitz, Unternehmensgründung und freier Arbeitsplatzwahl. Diese Öffnung hat einen wirtschaftlichen Boom hervorgerufen, der seit dem anhält. Bereits heute weist Vietnam einen vergleichbaren wirtschaftlichen Offenheitsgrad wie Thailand auf und gehört im Gegensatz zu Kambodscha, Myanmar oder Laos eindeutig zu den aufstrebenden Schwellenländern.

Über allem schwebt Ho Chi Minh


Auf die Zeit in Vietnam hatte ich mich daher ganz besonders gefreut, was jedoch auch noch einen zweiten Grund hatte, denn ich bekam Gesellschaft von meinem Bruder. Zusammen erkundeten wir das Land in Richtung Norden. Beginn war die Stadt Ho Chi Minh, dem wirtschaftlichen Zentrum Vietnams. Da der Süden des Landes nur kurz sozialistisch geprägt war, lief hier die Wirtschaft nach der Öffnung am schnellsten an. Diese Dynamik ist seit dem geblieben. Touristisch hat diese Stadt jedoch eher weniger zu bieten. Das "War Remnants" Museum ist wohl die einzige erwähnenswerte Sehenswürdigkeit. Das Museum gibt Auskunft über den Verlauf des Vietnamkrieges aus der Sicht des Siegers. Größtenteils macht es einen ausgewogenen Eindruck, jedoch muss man schon einige Male schmunzeln, wenn Artikel der amerikanischen Verfassung oder der Genfer Kriegskonvention zitiert werden und direkt daneben Bilder zu sehen sind mit amerikanischen Kriegsverbrechen. Der Krieg war auf jeden Fall eine einschneidende Zeit, deren Folgen bis heute zu spüren sind. Tausende Quadratkilometer Mangrovenwälder, die mit Hilfe chemischer Waffen zerstört worden sind sowie der flächendeckende Einsatz von Napalmbomben haben die Landschaft sowie die Gesundheit der Menschen nachhaltig beschäftigt - bis heute.
Neben dem Museum ist Ho Chi Minh Stadt Ausgangspunkt für Ausflüge in das sich südlich anschließende Mekongdelta. Wir haben eines der zahlreichen Angebote genutzt und sind für zwei Tage mit einer Tour ins Delta gefahren, wo neben einer Honigfarm, Obstplantage, und schwimmenden Märkten eine Fahrradtour sowie eine kurze Paddeltour auf dem Plan standen. Übernachtet haben wir in einem kleinen Dorf an einem der vielen Seitenarme des Mekongdeltas. Offiziell hieß dies Homestay, was jedoch eher eine Art Pension auf dem Grundstück einer Familie war. Einen privaten Einblick haben wir nicht bekommen. Der Willkommenssatz des Gastwirtes "Welcome to my home" muss daher wohl eher ironisch gemeint sein. Das Mekongdelta ist die am dichtesten besiedelte Region Vietnams. Unsere romantische Vorstellung von hunderten, einsamen Flussarmen mit vereinzelten traditionellen Fischern stellte sich daher als sehr naiv heraus. Im Gegenteil, eine Stadt reihte sich nach der anderen und die Ufer sind so gut wie alle zugebaut. Wäre es noch etwas mehr entwickelt, könnte man diese Gegend wohl als "Megavenedig" bezeichnen. Allerdings ohne Romantik, denn das Wasser war recht schmutzig aufgrund der vielen Abwässer. Nichtsdestotrotz war es auf jeden Fall interessant, das Leben der Menschen dort kennenzulernen. Der Fluss ist Lebensader eines Großteils der Bevölkerung Vietnams.


Kontraste in Vietnam: Moderne Bürogebäude in Ho Chi Minh Stadt auf der einen Seite,...


...Traditionelle Floating Markets (schwimmender Markt, hier in Can Tho) auf der anderen Seite

Wohnen im Mekongdelta (nahe Can Tho)

Nach all dem Trubel in der Millionenstadt Ho Chi Minh und im dicht besiedelten Mekongdelta sehnten wir uns nach etwas Natur und fanden den perfekten Ort dafür im etwa fünf Stunden entfernt gelegenen Da Lat. Als Erholungsort und "Paris Vietnams" bekannt, gibt es hier weite Straßen, wenig Fahrzeuge und wunderschöne Berge, die man gut per Motorrad erkunden kann. Drei Tage haben wir die Gegend erkundet, dabei eine Kaffeeplantage, mehrere Wasserfälle, eine Seidenspinnerei gesehen sowie einen berühmte Tempel per Schmalspurerlebnisbahn besucht. Darüber hinaus haben wir einen beachtlichen Gipfel erklommen, was uns (fast) alles abverlangt hat. Bilder wie wir direkt nach Ankunft aussahen, existieren, werden jedoch aus Contegnance-Gründen nicht veröffentlicht! Nichtsdestotrotz hat sich auch der Aufstieg gelohnt, denn die Sicht war atemberaubend. Insgesamt hat uns Da Lat so gut gefallen, dass wir noch einen Tag länger geblieben sind als ursprünglich angedacht.


Idyllisch und ein Hauch Paris (bzw. Holland?) in Da Lat


Vietnamesischer Kaffee aus eigenem Anbau

Wir haben es geschafft - Besteigung des Lang Bian-Berges (2.167 m)

Wunderschöne Motorradstrecken um Da Lat

Letzte Station im südlichen Teil des Landes war die Stadt Hoi An. Auf dem Weg dahin haben wir noch kurz einen Zwischenstopp in der vom russischen Pauschaltourismus geprägten Stadt Nha Trang gemacht, wo es uns jedoch eher nicht gefallen hat. Eine Hotelhochburg reihte sich an die andere. Eine Perle konnten wir in dieser Stadt jedoch ausfindig machen und damit unseren 5h-Aufenthalt unvergessen machen: Das Restaurant "Lac Canh" mit traditionellem vietnamesischem Barbeque. Man bekommt einen Grill mit Holzkohle auf den Tisch gestellt, dazu Reis, Bier und Fleisch nach Belieben. Es war ein Traum, vor allem aber auch unterhaltsam, denn an einem Nachbartisch von uns haben die Vietnamesen eine atemberaubende Druckbetankung durchgeführt. Nach weniger als dreißig Minuten hatte jeder bereits 2-3 Bier intus und da war es naheliegend, die Weißen vom Nachbartisch mit teilhaben zu lassen und so bekamen wir zwei Bier gereicht mit der Handbewegung, doch an ihren Tisch zu kommen. Ein Ausschlagen der Einladung wäre keine Option gewesen! Und so standen wir mit 20 betrunkenen Vietnamesen bei Gegrilltem und Bier und konnten uns kein Wort unterhalten. Kurz darauf mussten wir jedoch schon wieder weiter zum Bus weiter nach Norden.

Im legendären Lac Canh-Restaurant in Nha Trang - auf jeden Fall ein Erlebnis

Nach einer 12 h Nachtfahrt kamen wir dann in der Hafenstadt Hoi An an, die eher gemischte Gefühle hervorrief. Zum einem hat Hoi An eine wunderschöne Altstadt, die sehr gut restauriert ist. Auf der anderen Seite ist die Stadt völlig überlaufen mit Touristen aus aller Welt und an jeder Ecke gibt es persönliche Schneider, die mit dem vielsagenden Slogan "We can copy everything" ("Wir können alles kopieren") auf sich aufmerksam machen. Letzteres haben auf jeden Fall gut genutzt. An die vielen Touristen wollten wir uns nicht recht gewöhnen. Wir haben uns dafür wieder ein paar Motorräder ausgeliehen und sind herausgefahren zu einer alten Tempelstadt, sowie in das nahegelegene Da Nang, um uns ein paar interessant geformte Berge aus Marmor anzuschauen - hier ein paar Eindrücke aus diesen Tagen:

Hoi An - idyllisch und das hat sich auch herumgesprochen

An jeder Ecke ein persönlicher Schneiderladen (O-Ton: "We can copy everything")

Ruinen der ehemaligen Hauptstadt Vietnams My Son

Wunderschön und eine tolle Sicht - die Marmorberge von Da Nang

Sonntag, 8. März 2015

Alles Roger in Kambodscha - Entspannung am Meer

Nach den sehr geschichts- und kulturgeprägten Tagen in Siem Reap und Phnom Penh stand in den folgenden Tagen der Entspannungsaspekt im Vordergrund. Kambodscha hat einige sehr idyllische Strände am Golf von Thailand zu bieten, viele auf vorgelagerten Inseln. Ich habe mich daher entschlossen, auf die Insel Koh Rong, circa 30 Kilometer vor der Küstenstadt Sihanoukville gelegen, zu fahren und muss sagen, es war mein absolutes Strandhighlight auf dieser Reise. Feiner, weißer Sand, einige Strandhütten und der Rest der Insel von Urwald bedeckt - besser geht es kaum. Die Fahrt mit dem Speedboot dauerte weniger als eine Stunde und schon stand ich im Paradies. Recht spontan hat sich dann noch ein Ausflug per Boot rund um die Insel ergeben, zusammen mit zwei Finnen und zwei Italienerinnen. Es war das erste Mal, dass ich Fischen war und dabei sogar etwas gefangen habe. Am Abend haben wir die Fische gegrillt und an einem Strand auf der anderen Seite der Insel den Sonnenuntergang genossen. Mehr braucht man nicht für einen herrlichen Tag! Die weiteren Tage liefen weiter recht entspannt mit Ausnahme des letzten Abends, der zufälligerweise auf den Vollmondtag fiel und daher Anlass für eine ordentliche Full Moon Party bildete. Nicht so groß wie auf Ko Phan Ngan in Thailand, sondern gemütlich mit circa 200-300 anderen Leuten konnte man bis in die Morgenstunden am Strand tanzen.
Einmal um die Insel per Boot

Traumhaft klares Wasser

Blick aus meiner Strandhütte zum Meer

Ausblick auf das kleine Stranddorf auf Koh Rong

Nach der Rückkehr auf Festland habe ich noch einige Tage in Kampot, einer kleinen, idyllischen Hafenstadt circa zwei Stunden von Sihanoukville entfernt. Per Motorrad wollte ich dieses Mal die abgelegenen Wege erkunden. Man erkennt sofort, wenn man aus dem Dunstkreis des Tourismus herausfährt, denn man wird von allen Seiten angestarrt und die Kinder laufen einem wieder freudig entgegen, lachen und winken, ähnlich wie in Myanmar. Das Landleben fasziniert mich, vor allem die einfachen Häuser, die Reisfelder (die jedoch in der Trockenperiode größtenteils nicht bewirtschaftet sind) und die staubigen Straßen. Das Leben ist allerdings sehr hart. Ich sehe Bauern, die in der Hitze ihr Feld bestellen - ganz ohne Maschinen. Ich muss mehrmals an die Rote Khmerzeit denken, wo dieses Leben das Ideal darstellen sollte und die städtische Bevölkerung Zwangsarbeit verrichten musste. Das ist erst 40 Jahre her.

Fahrt durch die Dörfer um Kampot im Süden Kambodschas

Ackerbau entlang der Straße (im Vordergrund: Reisfeld), teilweise brach aufgrund der derzeitigen Trockenzeit

Pfefferanbau

Ein ökologisch negatives Beispiel bei der Entwicklung des Landes wird sichtbar, wenn man in den (ehemaligen) Nationalpark Bokor Mountain bei Kampot fährt. Dort entstehen derzeit Hotels, ein Casino, Apartments und alles verbunden mit einer perfekt geteerten Straße auf die Spitze des Berges, wie ich sie sonst nirgends in Kambodscha gesehen habe. Dafür wurden unschwer erkennbar große Flächen Urwald abgerodet und Schneisen in die Felsen gesprengt. Das Highlight: Der Nationalpark gehört wohl einem thailändischen Exminister. Ich hoffe nicht, dass dies der bevorzugte Weg in die Zukunft ist. Allerdings muss man auch sagen, dass in ganz Kambodscha auffallend viele Restaurants und Hotels ausländischen Personen (vor allem aus dem Westen) gehören. 
Beste Straße, die ich in Kambodscha gesehen habe, dort, wo einst dichter Urwald stand (Bokor Mountain)

Dienstag, 3. März 2015

Kambodscha - ein Land findet sich neu

Nach den imposanten Eindrücken der ehemaligen Hochkultur Kambodschas ging es in die Hauptstadt Phnom Penh, wo ein anderes, überaus deprimierendes Kapitel der Geschichte des Landes im Mittelpunkt stand: der Genozid der Roten Khmer an ihrer eigenen Bevölkerung. In lediglich 3,5 Jahren zwischen April 1975 und Januar 1979 töteten sie durch systematische Vernichtung circa 2 Millionen Kambodschaner, was circa 1/4 der damaligen Bevölkerung darstellt. Basis war eine nahezu krankhaft ausgelebte Ideologie des Agrarkommunismus, bei dem die Stadtbevölkerung als Grund allen Übels angesehen wurde und entweder vernichtet oder als "produktive Bauern umerzogen" werden musste. Aus diesem Grund wurde nur wenige Tage nach Machtergreifung die gesamte Bevölkerung Phnom Penhs und anderer Städte vollständig "evakuiert" und zum Leben auf dem Land gezwungen. Die gesamte gebildete Elite wurde hingerichtet, da sie als Ursprung der "kapitalistischen Ausbeuterei" angesehen wurde. Die "Evakuierungsaktionen" betrafen allein in Phnom Penh zwei Millionen Menschen. Schulen, Universitäten, sogar Krankenhäuser wurden geschlossen, da sie als kapitalistische Gebilde galten und dem "ursprünglichen Leben auf dem Land" widersprachen. Am Ende der Herrschaft der Roten Khmer waren 50 Ärzte noch am Leben, der Rest war hingerichtet. Dabei musste man nicht unbedingt einen Universitätsabschluss haben, sondern es reichte aus, eine Fremdsprache zu beherrschen oder einfach nur eine Brille zu tragen, um als intellektuell zu gelten. Auf mehr als 300 sogenannten Killing Fields wurden schätzungsweise eine Millionen Menschen getötet und zwar auf bestialische Art und Weise. Da man keine "teuren" Gewehrkugeln verwenden wollte, wurden Menschen mit allen möglich "Werkzeugen" zu Tode gequält, unter anderem mit Äxten, Macheten, Bambusstöcken (wusste vorher auch nicht, dass man damit jemand umbringen kann), Eisenstangen. Die Schreie wurden durch laute Lautsprechermusik übertönt. Selbst kleine Kinder wurden umgebracht, da die Roten Khmer Angst vor der Rache der Nachfolgegeneration hatten. Wie, das möchte ich hier nicht mehr beschrieben.

Gedenkstätte auf dem dem Killing Field "Choeung Ek", circa 15 Kilometer außerhalb von Phnom Penh 

Diejenigen, die nicht sofort aufgrund ihrer "Intellektualität" umgebracht worden sind, musste in den Dörfern Zwangsarbeit verrichten, um sich doch als "wertvolle Teile der Gesellschaft" zu beweisen. Die Dörfer waren über das gesamte Land verteilt, wobei eine Zweiklassengesellschaft galt. Die bereits ansässigen Bewohner gingen ihrer regulären landwirtschaftlichen Tätigkeit nach. Die neu hinzugezogenen "Städter" wurden beaufsichtigt und mussten bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten, inklusive Kinder und Alte. Wer das Soll nicht erfüllte, bekam drakonische Strafen. Außerdem wurde die Nahrung rationiert. Das gesamte Land glich einem einzigen Gefangenenlager. Schätzungsweise eine weitere Million Menschen starb in dieser Zeit an systematischer Erschöpfung und Verhungern. Die Beschäftigung mit diesem Thema hat mich zutiefst erschüttert, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Geschehnisse vor weniger als 40 Jahren passiert sind. Das heißt, ein Großteil der Bevölkerung trägt noch immer persönliche Erlebnisse in sich, entweder als Opfer oder als Täter. Ich nehme die Menschen hier seit dem völlig anders wahr.
Tief bewegt hat mich die Geschichte von Loung Ung, einem damals fünfjährigem Mädchen aus Phnom Penh, das die Welt nicht mehr versteht und zur schweren Feldarbeit gezwungen wurde. In dieser Zeit litt sie an Hunger und musste mit erleben, wie ihre Eltern und zwei von ihren sechs Geschwistern starben. Loung ist eine der wenigen, die ihre Geschichte aufgeschrieben und veröffentlich hat. Ihr Buch "First They Killed My Father" ist aus ihrer damaligen kindlichen Sicht geschrieben und hat mich beim Lesen mehrmals den Tränen nahe gebracht. Es gibt wohl nichts schlimmeres als die Worte aus dem Mund eines Kindes, die lauten: "Warum hassen uns alle?", "Wo sind denn die Engel, Papa?" oder der hassvolle Ausruck "Ich werde sie alle töten".

Buchcover "First They Killed My Father" von Loung Ung - wärmstens empfohlen, wenn sich jemand mit dem Thema auseinandersetzen will

Die Vietnamesen haben diesen Horror nach nahezu 3,5 Jahren beendet, allerdings nicht aus humanitären Gründen - der Genozid war damals nahezu unbekannt -, sondern weil das Regime ungeschickterweise einen Konflikt mit dem Nachbarn über den Zaun brach und diesen verlor. Sonst wäre das Sterben wohl weitergegangen, da sich kein eigener Widerstand im Land mehr regte. Erst langsam wurde der Weltöffentlichkeit das Ausmaß des Genozids bewusst. Während der Roten Khmerzeit gab es zwar einige Berichte von Flüchtlingen, aber diesen wurde nicht viel Glauben geschenkt, vor allem nicht in diesem Ausmaß. Der Eingriff der Vietnamesen kurz nach Ende des Vietnamkrieges führte allerdings dazu, dass der Westen diesen Umsturz nicht anerkannte und die Welt dem Pol Pot-Regime (Anführer der Roten Khmer) bis 1993 sogar einen Sitz bei den Vereinten Nationen gewährte. Im Ergebnis sind bis Januar 1979 schätzungsweise zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen, was circa 1/3-1/4 der vor 1975 sieben Millionen Menschen zählenden Bevölkerung entspricht. Das Land musste sprichwörtlich bei Null anfangen, da die gesamte Wirtschaft und Infrastruktur zusammengebrochen war. Mich bewegt diese Geschichte wirklich sehr und ich kann diesen Menschen nur wirklich großen Respekt zollen, dass sie dieses Leid überstanden und ein neues Kapitel der Geschichte ihres Landes aufgeschlagen haben.