Dienstag, 3. März 2015

Kambodscha - ein Land findet sich neu

Nach den imposanten Eindrücken der ehemaligen Hochkultur Kambodschas ging es in die Hauptstadt Phnom Penh, wo ein anderes, überaus deprimierendes Kapitel der Geschichte des Landes im Mittelpunkt stand: der Genozid der Roten Khmer an ihrer eigenen Bevölkerung. In lediglich 3,5 Jahren zwischen April 1975 und Januar 1979 töteten sie durch systematische Vernichtung circa 2 Millionen Kambodschaner, was circa 1/4 der damaligen Bevölkerung darstellt. Basis war eine nahezu krankhaft ausgelebte Ideologie des Agrarkommunismus, bei dem die Stadtbevölkerung als Grund allen Übels angesehen wurde und entweder vernichtet oder als "produktive Bauern umerzogen" werden musste. Aus diesem Grund wurde nur wenige Tage nach Machtergreifung die gesamte Bevölkerung Phnom Penhs und anderer Städte vollständig "evakuiert" und zum Leben auf dem Land gezwungen. Die gesamte gebildete Elite wurde hingerichtet, da sie als Ursprung der "kapitalistischen Ausbeuterei" angesehen wurde. Die "Evakuierungsaktionen" betrafen allein in Phnom Penh zwei Millionen Menschen. Schulen, Universitäten, sogar Krankenhäuser wurden geschlossen, da sie als kapitalistische Gebilde galten und dem "ursprünglichen Leben auf dem Land" widersprachen. Am Ende der Herrschaft der Roten Khmer waren 50 Ärzte noch am Leben, der Rest war hingerichtet. Dabei musste man nicht unbedingt einen Universitätsabschluss haben, sondern es reichte aus, eine Fremdsprache zu beherrschen oder einfach nur eine Brille zu tragen, um als intellektuell zu gelten. Auf mehr als 300 sogenannten Killing Fields wurden schätzungsweise eine Millionen Menschen getötet und zwar auf bestialische Art und Weise. Da man keine "teuren" Gewehrkugeln verwenden wollte, wurden Menschen mit allen möglich "Werkzeugen" zu Tode gequält, unter anderem mit Äxten, Macheten, Bambusstöcken (wusste vorher auch nicht, dass man damit jemand umbringen kann), Eisenstangen. Die Schreie wurden durch laute Lautsprechermusik übertönt. Selbst kleine Kinder wurden umgebracht, da die Roten Khmer Angst vor der Rache der Nachfolgegeneration hatten. Wie, das möchte ich hier nicht mehr beschrieben.

Gedenkstätte auf dem dem Killing Field "Choeung Ek", circa 15 Kilometer außerhalb von Phnom Penh 

Diejenigen, die nicht sofort aufgrund ihrer "Intellektualität" umgebracht worden sind, musste in den Dörfern Zwangsarbeit verrichten, um sich doch als "wertvolle Teile der Gesellschaft" zu beweisen. Die Dörfer waren über das gesamte Land verteilt, wobei eine Zweiklassengesellschaft galt. Die bereits ansässigen Bewohner gingen ihrer regulären landwirtschaftlichen Tätigkeit nach. Die neu hinzugezogenen "Städter" wurden beaufsichtigt und mussten bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten, inklusive Kinder und Alte. Wer das Soll nicht erfüllte, bekam drakonische Strafen. Außerdem wurde die Nahrung rationiert. Das gesamte Land glich einem einzigen Gefangenenlager. Schätzungsweise eine weitere Million Menschen starb in dieser Zeit an systematischer Erschöpfung und Verhungern. Die Beschäftigung mit diesem Thema hat mich zutiefst erschüttert, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Geschehnisse vor weniger als 40 Jahren passiert sind. Das heißt, ein Großteil der Bevölkerung trägt noch immer persönliche Erlebnisse in sich, entweder als Opfer oder als Täter. Ich nehme die Menschen hier seit dem völlig anders wahr.
Tief bewegt hat mich die Geschichte von Loung Ung, einem damals fünfjährigem Mädchen aus Phnom Penh, das die Welt nicht mehr versteht und zur schweren Feldarbeit gezwungen wurde. In dieser Zeit litt sie an Hunger und musste mit erleben, wie ihre Eltern und zwei von ihren sechs Geschwistern starben. Loung ist eine der wenigen, die ihre Geschichte aufgeschrieben und veröffentlich hat. Ihr Buch "First They Killed My Father" ist aus ihrer damaligen kindlichen Sicht geschrieben und hat mich beim Lesen mehrmals den Tränen nahe gebracht. Es gibt wohl nichts schlimmeres als die Worte aus dem Mund eines Kindes, die lauten: "Warum hassen uns alle?", "Wo sind denn die Engel, Papa?" oder der hassvolle Ausruck "Ich werde sie alle töten".

Buchcover "First They Killed My Father" von Loung Ung - wärmstens empfohlen, wenn sich jemand mit dem Thema auseinandersetzen will

Die Vietnamesen haben diesen Horror nach nahezu 3,5 Jahren beendet, allerdings nicht aus humanitären Gründen - der Genozid war damals nahezu unbekannt -, sondern weil das Regime ungeschickterweise einen Konflikt mit dem Nachbarn über den Zaun brach und diesen verlor. Sonst wäre das Sterben wohl weitergegangen, da sich kein eigener Widerstand im Land mehr regte. Erst langsam wurde der Weltöffentlichkeit das Ausmaß des Genozids bewusst. Während der Roten Khmerzeit gab es zwar einige Berichte von Flüchtlingen, aber diesen wurde nicht viel Glauben geschenkt, vor allem nicht in diesem Ausmaß. Der Eingriff der Vietnamesen kurz nach Ende des Vietnamkrieges führte allerdings dazu, dass der Westen diesen Umsturz nicht anerkannte und die Welt dem Pol Pot-Regime (Anführer der Roten Khmer) bis 1993 sogar einen Sitz bei den Vereinten Nationen gewährte. Im Ergebnis sind bis Januar 1979 schätzungsweise zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen, was circa 1/3-1/4 der vor 1975 sieben Millionen Menschen zählenden Bevölkerung entspricht. Das Land musste sprichwörtlich bei Null anfangen, da die gesamte Wirtschaft und Infrastruktur zusammengebrochen war. Mich bewegt diese Geschichte wirklich sehr und ich kann diesen Menschen nur wirklich großen Respekt zollen, dass sie dieses Leid überstanden und ein neues Kapitel der Geschichte ihres Landes aufgeschlagen haben.

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