Mittwoch, 15. April 2015

Zur Kirschblüte nach Korea

Südkorea ist das siebte asiatische Land, das ich auf dieser Reise besuche. Dennoch wäre es ein Trugschluss, zu glauben, dass ich diesen Riesenkontinent bereits in irgendeiner Weise erfasst habe. War mein bisheriges Bild - mit Ausnahme von Hong Kong und Macau - eher von staubigen, vollen Straßen mit lauten, hupenden Autos und Motorrädern und einfachen Lebensumständen der Menschen geprägt, scheint Korea eine Oase der Sauberkeit, der Ästhetik und der Ruhe zu sein. Es ist das erste Land Asiens, das ich sehe, welches flächendeckend auf einem westlichen Stand ist - teilweise sogar höher. Moderne Infrastruktur, Hochhäuser und überall WLAN mit Geschwindigkeiten von bis zu 1 GB pro Sekunde, dazu jede Menge Shoppingzentren und gefühlt die höchste Dichte an Cafés der Welt. Die wichtigsten Städte des Landes sind per Hochgeschwindigkeitszug mit 300 km/h zu erreichen. Einmal quer durch das Land fahren dauert lediglich drei Stunden. Das spiegelt sich auch im Verhalten der Menschen wider. Autos fahren bedächtig, hupen nicht und blinken sogar beim Spurwechsel. An den Gehwegampeln wird auf Grün gewartet, obwohl weit und breit kein Fahrzeug zu sehen ist. Nicht zuletzt kann man in den Toiletten wieder sein Klopapier werfen, ohne dass man Angst haben muss, die Leitungen zu verstopfen. Es war ein Durchatmen nach den etwas robusteren Bedingungen, vor allem in Myanmar und Kambodscha.

Einfahrt des KTX-Zuges

Blick auf das Zentrum von Seoul vom Namsan Mountain aus

Dieser Zustand kommt nicht von ungefähr. In den letzten dreißig Jahren hat Südkorea eine enorme Entwicklung durchgemacht von einem kriegsgeschundenen, autokratisch regiertem Land hin zu einer offenen, liberalen Demokratie mit einer florierenden Wirtschaft. Global sehr erfolgreiche Konzerne sind hier zu Hause, beispielsweise Samsung, Hyundai oder LG. Der Preis dafür ist jedoch hoch. Arbeitszeiten sind um einiges länger als bei uns in Europa und jeden Abend kommen die Kinder erst gegen 22 Uhr aus der Schule. Danach gehen einige sogar noch in Nachhilfe. Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit, wenn auch manchmal sehr schüchtern, ihre guten Englischkenntnisse anzuwenden. Als westlicher Tourist ist man hier in der absoluten Minderheit. Ich kann es nicht ganz verstehen, denn die meisten asiatischen Völker scheinen das Land zu lieben. Sie alle kommen in Scharen, vor allem aus China, Japan, Hong Kong und Taiwan. Auf meinem neuntägigen Abstecher habe ich mir drei Städte angeschaut: Busan, Gyeongju und zum Schluss Seoul.
Erste Station: Mit circa 3,5 Millionen Einwohnern ist Busan die zweitgrößte Stadt des Landes. Direkt an der südöstlichen Küste gelegen schmiegt es sich wunderschön in die hügelige Landschaft ein und erinnert mich stark an Vancouver (Kanada), welches ebenfalls von Bergen und Küste umgeben ist. Busan macht einen äußerst gepflegten und idyllischen Eindruck, was auch daran liegt, dass es hier kaum Fabriken gibt. Busan ist Sitz der koreanischen Filmindustrie, die weitreichenden Einfluss im gesamten asiatischen Raum hat. Daneben beherbergt die Stadt den größten Hafen des Landes und wartet als Küstenstadt mit einem breiten Angebot an Seafood auf. Zwei Nächte habe ich hier verbracht und mich entschlossen, dieses Mal in eine private Unterkunft zu gehen, die ich auf AirBnB gefunden habe. Direkt am Gwangali-Strand gelegen war ich perfekt an das Zentrum sowie die umliegenden Berge angebunden. Die Stadt bietet weniger klassische Sehenswürdigkeiten, wie Museen oder alte Tempel. Der Trumpf ist Landschaft in und rundherum der Stadt. Am ersten Tag habe ich die Küste erkundet, die teilweise sehr felsig ist. Am zweiten Tag bin ich auf einem der umliegende Berge gestiegen, dem Jangsan-Mountain. Es war ein kurzer, steiler Aufstieg. Dafür war die Aussicht von oben mehr als atemberaubend:

Ausblick von Jangsan Mountain bei Busan I

Ausblick von Jangsan Mountain bei Busan II

Und wer noch nicht genug hat, hier sind weitere Ansichten von Busan:
Felsiger Küstenstreifen im Taejongdae-Park

Blick vom Lotte-Shoppingszentrum

Blick auf den Fischereihafen von Busan

Busan North Harbor-Brücke

Auf dieser Wanderung in den Bergen sind mir viele wanderfreudige koreanische Rentner begegnet, die in einem beachtlichen Tempo die Aufstiege absolvierten. In Asien gibt es des öfteren Outdoor-Fitnessgeräte, welche oftmals auch im Wald herumstehen - so auch hier. Ich selbst habe nach dem keuchenden Klettern keine Lust verspürt, mich da ranzusetzen, die Koreaner haben nach dem Ausdauertraining jedoch meist noch eine Kraftübung gemacht - Wahnsinn! Da meine Gastmutter noch etwas Zeit hatte und sie selbst lange nicht mehr ihre eigene Heimatstadt besichtigt hat, fuhr sie mich spontan noch ein wenig in Busan herum, zeigte mir einige neue Stadtviertel, einen idyllischen Tempel an der Küste und lud mich anschließend sogar noch zum Mittagessen ein. Ich war echt beeindruckt.

Tour durch den Stadtteil Haeyondae mit meiner Gastmutter

Besuch eines kleinen, buddhistischen Tempels im Norden der Stadt

Leider musste ich schon bald weiter in die Nachbarstadt Ulsan, denn ein ehemaliger Kommilitone von mir war gerade in der Nähe - ein kurioser Zufall. Diese Gelegenheit mussten wir nutzen! Es wurde ein klasse Abend - super Essen und im Anschluss noch ein paar Drinks in einer Bar. Die Hotelwahl in dieser Stadt musste ich jedoch etwas überstürzt getroffen haben, denn als ich im 'Cozy Hotel' meinen Raum betrat, fand ich allerhand Utensilien für eine perfekte Liebesnacht wieder, einschließlich Kondomen und Gleitgel direkt auf dem Tisch. War ich in einem Bordell gelandet? Nicht ganz, wie ich später erfuhr. Der Hintergrund ist einleuchtend: Da viele Koreaner auf engem Raum mit wenig Privatsphäre zusammenleben, geht man für eine intime Nacht zu zweit eher ins Hotel als zu Hause inflagranti erwischt zu werden. Wundert mich nur, warum es trotzdem keine Stundentarife gab?
Zweite Station: Am nächsten Tag fuhr ich nach Gyeonju (ausgesprochen: Gongdschu), der ehemaligen Hauptstadt des fast tausendjährigem Sillareiches von 57 v. Chr bis 927 nach Christi Geburt. Warum die Jahreszahlen hier wichtig sind, fand ich erst vor Ort heraus, denn es steht nicht mehr viel von der ehemaligen, angeblichen Millionenstadt. Allerdings sind die Grundstrukturen noch zu erkennen, es gibt eine Vielzahl an Parks, die wunderschön in der weißen Farbe der Kirschblüten erstrahlten und letztlich wurden einige Tempel wieder komplett nachgebaut, so dass es heute auf jeden Fall eine sehenswerte Stadt ist und so viel zu bieten hat, dass zwei Tage sehr knapp bemessen waren. Hier ein paar Impressionen:










Dritte Station: Komplett begeistert von der wunderschönen Natur und der Kultur des Landes kehrte ich für die letzten drei Tage in die Haupttadt Seoul zurück. Bereits bei meiner Ankunft in Korea machte ich einen kurzen Spaziergang durch den Namsan Tower Park und war sehr angetan. Trotz ihrer Größe mit bis zu 10 Millionen Einwohnern (Großraum 20 Millionen) macht die Stadt einen weitaus weniger hektischen Eindruck als Hong Kong. Ich habe mich von dieser Stimmung anstecken lassen und bin diese Zeit nach vier Wochen Powerprogramm sehr gemächlich angegangen: Ausschlafen, Herumwandern in Parks, ein klein wenig Shoppen, viel Kaffee und maximal 1-2 Sehenswürdigkeiten bildeten das perfekte Tagesprogramm. Darüber hinaus habe ich eine Reisebekanntschaft vom letzten Jahr sowie einen weiteren ehemaligen Kommilitonen getroffen, wodurch ich nebenbei kulinarisch bestens in die koreanische Küche eingeführt wurde.

Eingang des Gyeongbokgung-Palastes in Seoul

Blick vom Namsam-Park

Traditionelle koreanische Suppe

Am letzten Tag gab es nochmal einen besonderen Höhepunkt aus der aktuellen Geschichte Koreas zu bestaunen: der Besuch der aktuellen Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Nur 50 Kilometer nördlich von Seoul gelegen, besteht diese aus einem vier Kilometer breiten (zwei Kilometer auf jeder Seite) Pufferstreifen, der komplett demilitarisiert ist. Sie gilt als eine der am besten gesicherten Grenzen der Welt. Als Ostdeutscher und DDR-Geborener hat mich diese Geschichte sehr bewegt, denn diese "Mauer" ist um einiges undurchlässiger als damals zwischen den beiden Deutschlands. Während bei uns die meisten BRD'ler ihre Verwandten in der DDR besuchen konnten, besteht diese Möglichkeit in Korea nicht. Es gibt Familien, die sich seit 70 Jahren nicht mehr gesehen haben! Der einzige Austausch findet auf wirtschaftlicher Ebene statt. Nordkoreas zweitgrößte Stadt Keosang befindet sich nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt und beherbergt einen Industrieomplex mit ungefähr 100 südkoreanischen Firmen, wo schätzungsweise 50.000 Nordkoreaner und 800 Südkoreaner (meist als Manager) arbeiten. Auf die 80 Millionen Dollar Steuern, die dieser Komplex pro Jahr zahlt, will die kommunisitische Regierung trotz himmelweitem Systemunterschieds wohl nicht verzichten. 2007-08 gab es sogar eine Eisenbahnverbindung in den Norden, die allerdings wieder eingestellt wurde. Die Hinweistafel mit dem Zug nach Pjöngjang an der letzten südkoreanischen Station Dorasan kommt daher eher sarkastisch daher.

Am Horizont liegt Nordkorea

 Grenzsicherung auf südkoreanischer Seite

Zug nach Pjöngjang fährt derzeit leider nicht

Fragt man die Koreanern glaubt keiner, dass er die Einheit noch persönlich erlebt. Ich weiß, dass das in Deutschland 1988 auch noch allgemeiner Konsens war und ein Jahr später ist die Mauer gefallen. Bleibt zu hoffen, dass ein ähnliches Wunder ebenfalls in Korea passieren kann.

Mittwoch, 8. April 2015

Hong Kong & Macau - Abstecher in die chinesischen Sonderverwaltungszonen

In Hong Kong und Macau betrete ich komplett neues Terrain in Asien, in kultureller, sprachlicher als auch wirtschaftlicher Hinsicht. Denn obwohl sich Indien, Thailand, Vietnam, Kambodscha und auch Myanmar seit einiger Zeit im wirtschaftlichen Aufwärtstrend befinden, gehört bislang keines der Länder zu den vollständig entwickelten Industriestaaten, auch nicht in den großen Städten. Hong Kong und Macau sind da um einiges weiter, was sofort ersichtlich ist, wenn man in Hong Kong landet. Aus der Luft sieht man deutlich die zahlreichen Wolkenkratzer und der Slogan "Asia's World City" ist keineswegs übertrieben. Es sind Menschen aus der gesamten Welt zu sehen. Das letzte Mal, als ich solch einen 'Vibe' verspürt habe, war ich in London oder New York. Diese Entwicklung hat einen geschichtlichen Hintergrund. Als Kolonien von Portugal (Macau) und Großbritannien (Hong Kong) hatten beide Stadtstaaten von Anfang an einen Sonderstatus in der Region. Dieser blieb auch nach der Rückgabe an China im Jahre 1999 bzw. 1997 erhalten. Aus diesem Grund gelten beide völkerrechtlich als eigenständig mit der Folge, dass die Einreise nach oder von China immer als Grenzübertritt behandelt wird. Bezogen auf die Visumspflicht kann man mit dem deutschen Pass ohne Probleme nach Hong Kong und Macau, während man für China ein Visum braucht. Glücklicherweise liegen beide Städte nur eine Fährstunde entfernt, ohne dass man chinesisches Staatsterritorium betreten muss, so dass ich in den kommenden Tagen ohne Probleme hin- und herpendeln konnte.
Den Anfang meines Besuchs machte Macau, wo ich einen guten Freund und ehemaligen Kommilitonen getroffen habe, der dort seit einiger Zeit mit seiner chinesischen Frau lebt und arbeitet - ein perfekter Einstieg in den Ostasiatischen Raum. Macau steht aufgrund seiner Größe ganz klar im Schatten Hong Kongs. Mit circa 600.000 Einwohnern auf drei kleinen Inseln verteilt hat es eine Ausdehung von weniger als 10x5 Kilometer. Nichtsdestotrotz ist es ein ökonomisches Schwergewicht. Haupteinnahmequelle ist der Casinobetrieb, der in China verboten ist und damit unzählige Touristen (und jede Menge Schwarzgeld) anlockt. Ich war im Las Vegas Asiens gelandet! Die großen Namen, wie das Venetian, MGM Grand oder Wynn sind hier alle vertreten und kaum von ihren Vettern in der amerikanischen Wüstenstadt zu unterscheiden. Die Stadt wird dabei immer weiter zugebaut und kein Quadratemeter ausgelassen. Allerdings gibt es auch noch eine zweite Seite. Auf der nördlichen Insel gibt es eine historische, von den Portugiesen errichtete Altstadt mit einigen Sehenswürdigkeiten, wie ein Fort oder mehrere Kathedralen, die sehr europäisch wirken - eine absolute Ausnahme in Asien. Nach einem Tag hat man die Stadt jedoch vollständig gesehen; die Altstadt am Vormittag und die wesentlichen Casinos am Nachmittag. Letztere haben durchaus ihren Reiz, denn sie verfügen über eine ansehnliche Ansammlung von Restaurants und Sky Bars, die wir reichlich genutzt haben. Sogar einen Friseur habe ich gefunden, der mir keinen klassischen "Asiaschnitt" verpasst hat.

Altstadt von Macau im portugiesischem Stil

Das Casino Galaxy, eines der ersten, die im neuen Stadteil Taipa eröffnet haben

Die Casinostadt bei Nacht


Fährservice zwischen Hong Kong und Macau (Fahrtzeit: ca. eine Stunde)

Die darauffolgenden drei Tage habe ich in Hong Kong verbracht. Mit fast acht Millionen Einwohnern ist die Stadt bedeutend größer als die kleine Schwester Macau, jedoch mit einer der höchsten Einwohnerdichten der Welt. Sichtbar wird dies an der Bebauung. Ich habe mich teilweise wie in einem Science-Fiction-Film gefühlt, wenn ich mich über die zahlreichen Sky Walks bewegt habe. Die ersten Momente waren ein kleiner Kulturschock, doch man findet sich schnell zurecht. U-Bahn, Straßen, Sky Walks und klassische Gehwege sind größtenteils perfekt miteinander kombiniert (wenn man das System durchschaut hat). Es hilft auch, dass alles auf Englisch ausgeschildert ist. Dafür kann man der ehemaligen Kolonialmacht nur danken. Der Staat Hong Kong liegt auf mehreren Inseln, von denen jedoch einige nicht bebaut sind. Das Zentrum konzentriert sich auf den Nordteil der eigentlichen Insel Hong Kong sowie das gegenüberliegende Kowloon. Beide Städte (oder Stadtteile) sind durch mehrere U-Bahnlinien miteinander verbunden. Mein erstes Ziel war ein Aussichtspunkt auf der Hong Kong-Seite, um mir erstmal einen Überblick zu verschaffen. Der "Victoria Peak" bietet dafür die beste Gelegenheit - wenn das Wetter mitspielt. Leider war es sehr wolkig. Etwas überambitioniert bin ich die Strecke vom Hafen bis zur Aussichtsplattform zu Fuß gegangen, was nicht empfehlenswert ist, wenn man danach noch schweißfrei weitere Teile der Stadt erkunden möchte. Nach dem Aufstieg habe ich mir die Kowloon-Seite angeschaut, welche großflächiger ausfällt, als das an den Hang gepresste Downtown Hong Kong. Der erste Eindruck war auf jeden Fall überwältigend.

Skyline von Hong Kong von Kowloon aus gesehen

Hier muss man sich erstmal orientieren ;)

Blick vom Aussichtspunkt "The Peak" auf Hong Kong


Eine zufällige Seitenstraße in Kowloon

Insgesamt hat mich Hong Kong sehr begeistert. Es ist eine sympathische Weltstadt mit eigenem Charme und Charakter. Die Hong Konger sind stolz auf ihre britische Vergangenheit und distanzieren sich stark von den "Festlandchinesen". Sie sprechen ihren eigenen Dialekt (Kantonesisch) und nutzen immer noch die alten, traditionellen (und komplizierteren) chinesischen Schriftzeichen. Ich kann mir einen Besuch hier jederzeit vorstellen.

Donnerstag, 2. April 2015

Teil 2 - Der Norden - bis zur Grenze Chinas

Die zweite Hälfte der Reise war für den Norden des Landes vorgesehen. Unser erstes Ziel Hanoi versprühte etwas mehr Charme als die südliche Wirtschaftsmetropole. Kleine, verwinkelte Straßen, mehrere kleinere und größere Seen sowie die nicht allzuprotzig angelegten Regierungsgebäude lassen schnell vergessen, dass hier trotzdem neun Millionen Menschen leben. Einzig der "Motorradterror" ist hier nochmal schärfer als in Ho Chi Minh Stadt. Vietnam ist wohl das Land, das sich bis auf wenige Ausnahmen vollständig zweirädrig fortbewegt. Autos sind eher selten und haben einen schweren Stand in den vollen Straßen. An jeder Straßenkreuzung steht eine Armada an Motorrädern, die Bruchteile von Sekunden nach Umschalten der Ampel das Rennen um die beste Position eröffnet. Erstaunlich gut funktioniert jedoch das Straßenüberqueren. Wenn man sich in kleinen, konstanten Schritten fortbewegt, fahren alle um einen herum, ohne dass es jemanden stört. Wer in Vietnam Straßen überqueren kann, kann es wohl überall.

In Vietnam bewegt man sich auf einem Zweirad fort


Wir sind insgesamt zwei Tage geblieben. Am ersten Tag haben wir uns vor allem die Altstadt angeschaut und als Höhepunkt um 21 Uhr der allabendlichen Parade zum Einholen der Nationalflagge am Ho Chi Minh-Mausoleum beigewohnt. Die Zeremonie war durchaus ein nettes Schauspiel, für den deutschen Alltag aus meiner Sicht aber zu pathetisch und kitschig. Obwohl ich es nicht persönlich erlebt habe, erinnerte mich das irgendwie an die DDR. Am zweiten Tag haben wir es nochmal gewagt, eine organisierte Tour zu buchen - ein großer Fehler, wie sich herausstellt. Für eine zugegebenermaßen idyllische Bootsfahrt von gut einer Stunde haben wir acht Stunden (!) im Bus verbracht - wohlgemerkt für eine Fahrt von 120 km pro Strecke - sowie drei Stunden vor Ort ohne Programm bei einem kümmerlichen Mittagessen abgesessen. Die Mekongdeltatour im Süden fanden wir schon nicht berauschend. Diese Tour allerdings hat uns allerdings bestärkt, ab sofort nur noch auf eigene Faust unterwegs zu sein.
The Huc Brücke in der Altstadt Hanois

Französischer Einfluss aus der Kolonialzeit: Notre Dame Kathedrale von Hanoi
Tägliche Parade zum Einholen der Nationalflagge am Ho-Chi-Minh-Mausoleum in Hanoi



Bootstour in der Nähe von Ninh Bin (sog. "Trockene Halongbucht")

Erste Station nach diesem Vorsatz war die Halongbucht, welche definitiv zu den landschaftlichen Höhepunkten des Landes gehört. Als UNESCO Weltnaturerbe stellt es eine einmalige Szenerie von steilen, felsigen Inseln direkt vor der Küste der drittgrößten Stadt Vietnams, Haiphong, dar. Die Gesamtzahl wird auf mehrere hundert geschätzt. Wir haben diese Gegend von der größten Insel Cat Ba aus erkundet, etwa vier Stunden per Bus und Fähre von Hanoi aus entfernt. Cat Ba ist Ausgangspunkt einer Reihe an Bootstouren, die erstaunlicherweise nicht überlaufen waren. In dieser Athmosphäre konnte man die atemberaubenden Felsformationen bestens bewundern. Die Inseln sind in der Tat einmalig und erscheinen komplett naturbelassen. Nur ein paar Fischer sind zwischen den Felsen unterwegs. Sporadisch sieht man ein paar weitere Ausflugsboote. Man fühlt sich in den Film Avatar hineinversetzt und tatsächlich sind die fliegenden Berge von der Halongbucht inspiriert. Weitere Facetten konnten wir bei einem Abstecher in eine Höhle sowie auf einer Kanufahrt erleben. Da Bilder mehr aussagen als Worte, hier direkt ein paar Eindrücke des Tages:






Auch wenn die Halongbucht zu den Höhepunkten dieser Reise zählt, gab es eine Gegend, die uns nochmal um ein Vielfaches mehr beeindruckt hat: die Berge von Ha Giang im äußersten Norden Vietnams. Acht Stunden Busfahrt von Hanoi entfernt bewegten wir uns in diesem Teil des Landes komplett abseits der allgemeinen Touristenpfade, was bereits auf der Fahrt dahin bemerkbar war. Im Bus waren wir die einzigen Weißen und an den Raststellen gab es keine englischen Übersetzungen mehr. Nach Ankunft in der Provinzhauptstadt Ha Giang aus ging es per Motorrad drei Tage lang von knapp 100 Höhenmetern auf über 1.500 Meter als Rundreise zu abgelegenen Bergdörfern und kleinen Städtchen mit wohlklingenden Namen, wie Yen Minh, Dong Van oder Meo Vac. Das Beeindruckende waren dabei die steilen Auf- und Abfahrten mit immer neuen, imposanten Ausblicken an jeder Kurve. Insgesamt 350 Kilometer haben wir in dieser Zeit zurückgelegt und dabei auch die harten Lebensbedingungen der Menschen gesehen: Bauern, die Landwirtschaft an den steilsten Berghängen betreiben, Frauen, die schwere Lasten kilometerweit schleppen oder mit Kind auf dem Rücken Felder bestellen und Kinder, die bereits in jungen Jahren voll mit anpacken müssen. Auffällig ist dabei auch, dass trotz der scheinbaren Abgeschiedenheit überall Menschen auf den Feldern zu sehen sind. Am Straßenrand stehen meist die Motorräder und hundert Meter über oder unter uns sahen wir dann Familien ihre Felder bestellen. In diesem Setting erheben sich immer wieder beeindruckende Aussichten, die mehr als entschädigen für die streckenweise herausfordernde Fahrt entlang schmaler Straßen und steiler Abhänge. Höhepunkt war unter anderem ein Aussichtspunkt mit Blick auf China, die circa 20-Kilometer Strecke von Dong Van nach Meo Vac mit einer beeindruckenden Szenerie, sowie der Besuch des lokalen Marktes in Meo Vac am letzten Tag, der ausnahmsweise mal keine Touristenshow war, sondern ein überlebenswichtiger Ort, um die Produkte der Gegend zu verkaufen. Hier ein paar wenige Eindrücke von dieser Tour:



Ackerbau an etlichen steilen Hängen

Beim Ackerbau muss die gesamte Familie mit anpacken

Man muss echt ein Stuntman sein, um an diesen Stielen Hängen noch ein Feld umzupflügen



Blick nach China an Vietnams nördlichstem Punkt



Sonntagsmarkt in Meo Vac

Nach Beendigung der Rundreise mit dem Motorrad ging es von Ha Giang aus per Nachtbus wieder zurück nach Hanoi, wo wir unseren letzten Tag gemeinsam mit Shopping und in Cafés verbrachten. Es war die perfekte Gelegenheit, zurückzublicken auf eine spannende Reise in diesem faszinierenden Land. Wir hatten einen vollen Plan und haben dadurch viele interessante Orte gesehen. Am Ende fühlten wir uns vollkommen vietnamesisch: stolz auf das Erreichte. Dabei ist Vietnam kein Land für Ruheliebende und Effizienzbedürftige. Es hat noch einiges an Entwicklung vor sich. Beispielsweise die Infrastruktur ist für das gegenwärtige Verkehrsaufkommen wesentlich zu klein ausgelegt, was dazu führt, dass man für hundert Kilometer Strecke drei Stunden braucht. Dazu kommt, dass einige Gegenden durchaus touristisch überlaufen sind, vor allem das Mekongdelta, Hoi An oder Nha Trang. Nichtsdestotrotz ist Vietnam definitiv die Reise wert. Vor allem abseits der touristischen Pfade offenbart es seine faszinierenden Seiten. Die Gegend um Da Lat und die spektakuläre Motorradtour im Norden werden uns dabei maßgeblich im Gedächtnis bleiben. Und das Reisen ist einfach. Es gibt unzählige Hostels, die sehr günstig, gut ausgestattet und spontan buchbar sind. Busse zwischen den Städten fahren regelmäßig und haben meist einen Abholservice vom Hostel. Nicht zuletzt ist das Essen wunderbar, vor allem, wenn man auf gute asiatische Nudelsuppen (Pho) oder kross gebratene Frühlingsrollen mit Rinderfüllung steht (so gut)! Am meisten hat es uns der vietnamesische Kaffee angetan, der je nachdem warm oder kalt, meist mit einer süßen Kondensmilch serviert wird - himmlisch! Wie konnten gar nicht genug davon kriegen.

Traditioneller Eiskaffee mit vietnamesischer Kondensmilch

Auswahl an vietnamesischem Essen im berühmten Mau Dich Restaurant

Als Krönung dieser wunderbaren Reise hatten wir noch die Gelegenheit, zwei gute Bekannte von mir zu treffen, jeweils am ersten Abend in Ho Chi Minh Stadt und am letzten Abend in Hanoi, was beide Male ein wundervolles Wiedersehen sowie eine tolle Erfahrung war, mehr über das Leben in Vietnam zu erfahren und einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen. Traurig, aber trotzdem glücklich über die schöne Zeit bestiegen mein Bruder und ich nach exakt drei Wochen wieder das Flugzeug und unsere Wege trennten sich. Für mich war es gleichzeitig der Abschied von der gesamten Region Südostasien, die mich in den vergangenen Wochen nicht nur ein Mal in seinen Bann gezogen hat.