Südkorea ist das siebte asiatische Land, das ich auf dieser Reise besuche. Dennoch wäre es ein Trugschluss, zu glauben, dass ich diesen Riesenkontinent bereits in irgendeiner Weise erfasst habe. War mein bisheriges Bild - mit Ausnahme von Hong Kong und Macau - eher von staubigen, vollen Straßen mit lauten, hupenden Autos und Motorrädern und einfachen Lebensumständen der Menschen geprägt, scheint Korea eine Oase der Sauberkeit, der Ästhetik und der Ruhe zu sein. Es ist das erste Land Asiens, das ich sehe, welches flächendeckend auf einem westlichen Stand ist - teilweise sogar höher. Moderne Infrastruktur, Hochhäuser und überall WLAN mit Geschwindigkeiten von bis zu 1 GB pro Sekunde, dazu jede Menge Shoppingzentren und gefühlt die höchste Dichte an Cafés der Welt. Die wichtigsten Städte des Landes sind per Hochgeschwindigkeitszug mit 300 km/h zu erreichen. Einmal quer durch das Land fahren dauert lediglich drei Stunden. Das spiegelt sich auch im Verhalten der Menschen wider. Autos fahren bedächtig, hupen nicht und blinken sogar beim Spurwechsel. An den Gehwegampeln wird auf Grün gewartet, obwohl weit und breit kein Fahrzeug zu sehen ist. Nicht zuletzt kann man in den Toiletten wieder sein Klopapier werfen, ohne dass man Angst haben muss, die Leitungen zu verstopfen. Es war ein Durchatmen nach den etwas robusteren Bedingungen, vor allem in Myanmar und Kambodscha.
Blick auf das Zentrum von Seoul vom Namsan Mountain aus
Dieser Zustand kommt nicht von ungefähr. In den letzten dreißig Jahren hat Südkorea eine enorme Entwicklung durchgemacht von einem kriegsgeschundenen, autokratisch regiertem Land hin zu einer offenen, liberalen Demokratie mit einer florierenden Wirtschaft. Global sehr erfolgreiche Konzerne sind hier zu Hause, beispielsweise Samsung, Hyundai oder LG. Der Preis dafür ist jedoch hoch. Arbeitszeiten sind um einiges länger als bei uns in Europa und jeden Abend kommen die Kinder erst gegen 22 Uhr aus der Schule. Danach gehen einige sogar noch in Nachhilfe. Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit, wenn auch manchmal sehr schüchtern, ihre guten Englischkenntnisse anzuwenden. Als westlicher Tourist ist man hier in der absoluten Minderheit. Ich kann es nicht ganz verstehen, denn die meisten asiatischen Völker scheinen das Land zu lieben. Sie alle kommen in Scharen, vor allem aus China, Japan, Hong Kong und Taiwan. Auf meinem neuntägigen Abstecher habe ich mir drei Städte angeschaut: Busan, Gyeongju und zum Schluss Seoul.
Erste Station: Mit circa 3,5 Millionen Einwohnern ist Busan die zweitgrößte Stadt des Landes. Direkt an der südöstlichen Küste gelegen schmiegt es sich wunderschön in die hügelige Landschaft ein und erinnert mich stark an Vancouver (Kanada), welches ebenfalls von Bergen und Küste umgeben ist. Busan macht einen äußerst gepflegten und idyllischen Eindruck, was auch daran liegt, dass es hier kaum Fabriken gibt. Busan ist Sitz der koreanischen Filmindustrie, die weitreichenden Einfluss im gesamten asiatischen Raum hat. Daneben beherbergt die Stadt den größten Hafen des Landes und wartet als Küstenstadt mit einem breiten Angebot an Seafood auf. Zwei Nächte habe ich hier verbracht und mich entschlossen, dieses Mal in eine private Unterkunft zu gehen, die ich auf AirBnB gefunden habe. Direkt am Gwangali-Strand gelegen war ich perfekt an das Zentrum sowie die umliegenden Berge angebunden. Die Stadt bietet weniger klassische Sehenswürdigkeiten, wie Museen oder alte Tempel. Der Trumpf ist Landschaft in und rundherum der Stadt. Am ersten Tag habe ich die Küste erkundet, die teilweise sehr felsig ist. Am zweiten Tag bin ich auf einem der umliegende Berge gestiegen, dem Jangsan-Mountain. Es war ein kurzer, steiler Aufstieg. Dafür war die Aussicht von oben mehr als atemberaubend:
Auf dieser Wanderung in den Bergen sind mir viele wanderfreudige koreanische Rentner begegnet, die in einem beachtlichen Tempo die Aufstiege absolvierten. In Asien gibt es des öfteren Outdoor-Fitnessgeräte, welche oftmals auch im Wald herumstehen - so auch hier. Ich selbst habe nach dem keuchenden Klettern keine Lust verspürt, mich da ranzusetzen, die Koreaner haben nach dem Ausdauertraining jedoch meist noch eine Kraftübung gemacht - Wahnsinn! Da meine Gastmutter noch etwas Zeit hatte und sie selbst lange nicht mehr ihre eigene Heimatstadt besichtigt hat, fuhr sie mich spontan noch ein wenig in Busan herum, zeigte mir einige neue Stadtviertel, einen idyllischen Tempel an der Küste und lud mich anschließend sogar noch zum Mittagessen ein. Ich war echt beeindruckt.
Tour durch den Stadtteil Haeyondae mit meiner Gastmutter
Leider musste ich schon bald weiter in die Nachbarstadt Ulsan, denn ein ehemaliger Kommilitone von mir war gerade in der Nähe - ein kurioser Zufall. Diese Gelegenheit mussten wir nutzen! Es wurde ein klasse Abend - super Essen und im Anschluss noch ein paar Drinks in einer Bar. Die Hotelwahl in dieser Stadt musste ich jedoch etwas überstürzt getroffen haben, denn als ich im 'Cozy Hotel' meinen Raum betrat, fand ich allerhand Utensilien für eine perfekte Liebesnacht wieder, einschließlich Kondomen und Gleitgel direkt auf dem Tisch. War ich in einem Bordell gelandet? Nicht ganz, wie ich später erfuhr. Der Hintergrund ist einleuchtend: Da viele Koreaner auf engem Raum mit wenig Privatsphäre zusammenleben, geht man für eine intime Nacht zu zweit eher ins Hotel als zu Hause inflagranti erwischt zu werden. Wundert mich nur, warum es trotzdem keine Stundentarife gab?
Zweite Station: Am nächsten Tag fuhr ich nach Gyeonju (ausgesprochen: Gongdschu), der ehemaligen Hauptstadt des fast tausendjährigem Sillareiches von 57 v. Chr bis 927 nach Christi Geburt. Warum die Jahreszahlen hier wichtig sind, fand ich erst vor Ort heraus, denn es steht nicht mehr viel von der ehemaligen, angeblichen Millionenstadt. Allerdings sind die Grundstrukturen noch zu erkennen, es gibt eine Vielzahl an Parks, die wunderschön in der weißen Farbe der Kirschblüten erstrahlten und letztlich wurden einige Tempel wieder komplett nachgebaut, so dass es heute auf jeden Fall eine sehenswerte Stadt ist und so viel zu bieten hat, dass zwei Tage sehr knapp bemessen waren. Hier ein paar Impressionen:
Dritte Station: Komplett begeistert von der wunderschönen Natur und der Kultur des Landes kehrte ich für die letzten drei Tage in die Haupttadt Seoul zurück. Bereits bei meiner Ankunft in Korea machte ich einen kurzen Spaziergang durch den Namsan Tower Park und war sehr angetan. Trotz ihrer Größe mit bis zu 10 Millionen Einwohnern (Großraum 20 Millionen) macht die Stadt einen weitaus weniger hektischen Eindruck als Hong Kong. Ich habe mich von dieser Stimmung anstecken lassen und bin diese Zeit nach vier Wochen Powerprogramm sehr gemächlich angegangen: Ausschlafen, Herumwandern in Parks, ein klein wenig Shoppen, viel Kaffee und maximal 1-2 Sehenswürdigkeiten bildeten das perfekte Tagesprogramm. Darüber hinaus habe ich eine Reisebekanntschaft vom letzten Jahr sowie einen weiteren ehemaligen Kommilitonen getroffen, wodurch ich nebenbei kulinarisch bestens in die koreanische Küche eingeführt wurde.
Am letzten Tag gab es nochmal einen besonderen Höhepunkt aus der aktuellen Geschichte Koreas zu bestaunen: der Besuch der aktuellen Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Nur 50 Kilometer nördlich von Seoul gelegen, besteht diese aus einem vier Kilometer breiten (zwei Kilometer auf jeder Seite) Pufferstreifen, der komplett demilitarisiert ist. Sie gilt als eine der am besten gesicherten Grenzen der Welt. Als Ostdeutscher und DDR-Geborener hat mich diese Geschichte sehr bewegt, denn diese "Mauer" ist um einiges undurchlässiger als damals zwischen den beiden Deutschlands. Während bei uns die meisten BRD'ler ihre Verwandten in der DDR besuchen konnten, besteht diese Möglichkeit in Korea nicht. Es gibt Familien, die sich seit 70 Jahren nicht mehr gesehen haben! Der einzige Austausch findet auf wirtschaftlicher Ebene statt. Nordkoreas zweitgrößte Stadt Keosang befindet sich nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt und beherbergt einen Industrieomplex mit ungefähr 100 südkoreanischen Firmen, wo schätzungsweise 50.000 Nordkoreaner und 800 Südkoreaner (meist als Manager) arbeiten. Auf die 80 Millionen Dollar Steuern, die dieser Komplex pro Jahr zahlt, will die kommunisitische Regierung trotz himmelweitem Systemunterschieds wohl nicht verzichten. 2007-08 gab es sogar eine Eisenbahnverbindung in den Norden, die allerdings wieder eingestellt wurde. Die Hinweistafel mit dem Zug nach Pjöngjang an der letzten südkoreanischen Station Dorasan kommt daher eher sarkastisch daher.
Am Horizont liegt Nordkorea
Fragt man die Koreanern glaubt keiner, dass er die Einheit noch persönlich erlebt. Ich weiß, dass das in Deutschland 1988 auch noch allgemeiner Konsens war und ein Jahr später ist die Mauer gefallen. Bleibt zu hoffen, dass ein ähnliches Wunder ebenfalls in Korea passieren kann.



















































