Donnerstag, 2. April 2015

Teil 2 - Der Norden - bis zur Grenze Chinas

Die zweite Hälfte der Reise war für den Norden des Landes vorgesehen. Unser erstes Ziel Hanoi versprühte etwas mehr Charme als die südliche Wirtschaftsmetropole. Kleine, verwinkelte Straßen, mehrere kleinere und größere Seen sowie die nicht allzuprotzig angelegten Regierungsgebäude lassen schnell vergessen, dass hier trotzdem neun Millionen Menschen leben. Einzig der "Motorradterror" ist hier nochmal schärfer als in Ho Chi Minh Stadt. Vietnam ist wohl das Land, das sich bis auf wenige Ausnahmen vollständig zweirädrig fortbewegt. Autos sind eher selten und haben einen schweren Stand in den vollen Straßen. An jeder Straßenkreuzung steht eine Armada an Motorrädern, die Bruchteile von Sekunden nach Umschalten der Ampel das Rennen um die beste Position eröffnet. Erstaunlich gut funktioniert jedoch das Straßenüberqueren. Wenn man sich in kleinen, konstanten Schritten fortbewegt, fahren alle um einen herum, ohne dass es jemanden stört. Wer in Vietnam Straßen überqueren kann, kann es wohl überall.

In Vietnam bewegt man sich auf einem Zweirad fort


Wir sind insgesamt zwei Tage geblieben. Am ersten Tag haben wir uns vor allem die Altstadt angeschaut und als Höhepunkt um 21 Uhr der allabendlichen Parade zum Einholen der Nationalflagge am Ho Chi Minh-Mausoleum beigewohnt. Die Zeremonie war durchaus ein nettes Schauspiel, für den deutschen Alltag aus meiner Sicht aber zu pathetisch und kitschig. Obwohl ich es nicht persönlich erlebt habe, erinnerte mich das irgendwie an die DDR. Am zweiten Tag haben wir es nochmal gewagt, eine organisierte Tour zu buchen - ein großer Fehler, wie sich herausstellt. Für eine zugegebenermaßen idyllische Bootsfahrt von gut einer Stunde haben wir acht Stunden (!) im Bus verbracht - wohlgemerkt für eine Fahrt von 120 km pro Strecke - sowie drei Stunden vor Ort ohne Programm bei einem kümmerlichen Mittagessen abgesessen. Die Mekongdeltatour im Süden fanden wir schon nicht berauschend. Diese Tour allerdings hat uns allerdings bestärkt, ab sofort nur noch auf eigene Faust unterwegs zu sein.
The Huc Brücke in der Altstadt Hanois

Französischer Einfluss aus der Kolonialzeit: Notre Dame Kathedrale von Hanoi
Tägliche Parade zum Einholen der Nationalflagge am Ho-Chi-Minh-Mausoleum in Hanoi



Bootstour in der Nähe von Ninh Bin (sog. "Trockene Halongbucht")

Erste Station nach diesem Vorsatz war die Halongbucht, welche definitiv zu den landschaftlichen Höhepunkten des Landes gehört. Als UNESCO Weltnaturerbe stellt es eine einmalige Szenerie von steilen, felsigen Inseln direkt vor der Küste der drittgrößten Stadt Vietnams, Haiphong, dar. Die Gesamtzahl wird auf mehrere hundert geschätzt. Wir haben diese Gegend von der größten Insel Cat Ba aus erkundet, etwa vier Stunden per Bus und Fähre von Hanoi aus entfernt. Cat Ba ist Ausgangspunkt einer Reihe an Bootstouren, die erstaunlicherweise nicht überlaufen waren. In dieser Athmosphäre konnte man die atemberaubenden Felsformationen bestens bewundern. Die Inseln sind in der Tat einmalig und erscheinen komplett naturbelassen. Nur ein paar Fischer sind zwischen den Felsen unterwegs. Sporadisch sieht man ein paar weitere Ausflugsboote. Man fühlt sich in den Film Avatar hineinversetzt und tatsächlich sind die fliegenden Berge von der Halongbucht inspiriert. Weitere Facetten konnten wir bei einem Abstecher in eine Höhle sowie auf einer Kanufahrt erleben. Da Bilder mehr aussagen als Worte, hier direkt ein paar Eindrücke des Tages:






Auch wenn die Halongbucht zu den Höhepunkten dieser Reise zählt, gab es eine Gegend, die uns nochmal um ein Vielfaches mehr beeindruckt hat: die Berge von Ha Giang im äußersten Norden Vietnams. Acht Stunden Busfahrt von Hanoi entfernt bewegten wir uns in diesem Teil des Landes komplett abseits der allgemeinen Touristenpfade, was bereits auf der Fahrt dahin bemerkbar war. Im Bus waren wir die einzigen Weißen und an den Raststellen gab es keine englischen Übersetzungen mehr. Nach Ankunft in der Provinzhauptstadt Ha Giang aus ging es per Motorrad drei Tage lang von knapp 100 Höhenmetern auf über 1.500 Meter als Rundreise zu abgelegenen Bergdörfern und kleinen Städtchen mit wohlklingenden Namen, wie Yen Minh, Dong Van oder Meo Vac. Das Beeindruckende waren dabei die steilen Auf- und Abfahrten mit immer neuen, imposanten Ausblicken an jeder Kurve. Insgesamt 350 Kilometer haben wir in dieser Zeit zurückgelegt und dabei auch die harten Lebensbedingungen der Menschen gesehen: Bauern, die Landwirtschaft an den steilsten Berghängen betreiben, Frauen, die schwere Lasten kilometerweit schleppen oder mit Kind auf dem Rücken Felder bestellen und Kinder, die bereits in jungen Jahren voll mit anpacken müssen. Auffällig ist dabei auch, dass trotz der scheinbaren Abgeschiedenheit überall Menschen auf den Feldern zu sehen sind. Am Straßenrand stehen meist die Motorräder und hundert Meter über oder unter uns sahen wir dann Familien ihre Felder bestellen. In diesem Setting erheben sich immer wieder beeindruckende Aussichten, die mehr als entschädigen für die streckenweise herausfordernde Fahrt entlang schmaler Straßen und steiler Abhänge. Höhepunkt war unter anderem ein Aussichtspunkt mit Blick auf China, die circa 20-Kilometer Strecke von Dong Van nach Meo Vac mit einer beeindruckenden Szenerie, sowie der Besuch des lokalen Marktes in Meo Vac am letzten Tag, der ausnahmsweise mal keine Touristenshow war, sondern ein überlebenswichtiger Ort, um die Produkte der Gegend zu verkaufen. Hier ein paar wenige Eindrücke von dieser Tour:



Ackerbau an etlichen steilen Hängen

Beim Ackerbau muss die gesamte Familie mit anpacken

Man muss echt ein Stuntman sein, um an diesen Stielen Hängen noch ein Feld umzupflügen



Blick nach China an Vietnams nördlichstem Punkt



Sonntagsmarkt in Meo Vac

Nach Beendigung der Rundreise mit dem Motorrad ging es von Ha Giang aus per Nachtbus wieder zurück nach Hanoi, wo wir unseren letzten Tag gemeinsam mit Shopping und in Cafés verbrachten. Es war die perfekte Gelegenheit, zurückzublicken auf eine spannende Reise in diesem faszinierenden Land. Wir hatten einen vollen Plan und haben dadurch viele interessante Orte gesehen. Am Ende fühlten wir uns vollkommen vietnamesisch: stolz auf das Erreichte. Dabei ist Vietnam kein Land für Ruheliebende und Effizienzbedürftige. Es hat noch einiges an Entwicklung vor sich. Beispielsweise die Infrastruktur ist für das gegenwärtige Verkehrsaufkommen wesentlich zu klein ausgelegt, was dazu führt, dass man für hundert Kilometer Strecke drei Stunden braucht. Dazu kommt, dass einige Gegenden durchaus touristisch überlaufen sind, vor allem das Mekongdelta, Hoi An oder Nha Trang. Nichtsdestotrotz ist Vietnam definitiv die Reise wert. Vor allem abseits der touristischen Pfade offenbart es seine faszinierenden Seiten. Die Gegend um Da Lat und die spektakuläre Motorradtour im Norden werden uns dabei maßgeblich im Gedächtnis bleiben. Und das Reisen ist einfach. Es gibt unzählige Hostels, die sehr günstig, gut ausgestattet und spontan buchbar sind. Busse zwischen den Städten fahren regelmäßig und haben meist einen Abholservice vom Hostel. Nicht zuletzt ist das Essen wunderbar, vor allem, wenn man auf gute asiatische Nudelsuppen (Pho) oder kross gebratene Frühlingsrollen mit Rinderfüllung steht (so gut)! Am meisten hat es uns der vietnamesische Kaffee angetan, der je nachdem warm oder kalt, meist mit einer süßen Kondensmilch serviert wird - himmlisch! Wie konnten gar nicht genug davon kriegen.

Traditioneller Eiskaffee mit vietnamesischer Kondensmilch

Auswahl an vietnamesischem Essen im berühmten Mau Dich Restaurant

Als Krönung dieser wunderbaren Reise hatten wir noch die Gelegenheit, zwei gute Bekannte von mir zu treffen, jeweils am ersten Abend in Ho Chi Minh Stadt und am letzten Abend in Hanoi, was beide Male ein wundervolles Wiedersehen sowie eine tolle Erfahrung war, mehr über das Leben in Vietnam zu erfahren und einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen. Traurig, aber trotzdem glücklich über die schöne Zeit bestiegen mein Bruder und ich nach exakt drei Wochen wieder das Flugzeug und unsere Wege trennten sich. Für mich war es gleichzeitig der Abschied von der gesamten Region Südostasien, die mich in den vergangenen Wochen nicht nur ein Mal in seinen Bann gezogen hat.

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